Märchen mit Meerblick

Kommentar

Spanien braucht nicht nur schöne Strände, sondern saubere.

Brauner Schaum, ein unangenehmer Geruch u. die Frage, was da eigentlich im Meer landet: Im August 2015 habe ich darüber einen Kommentar geschrieben, 2019 griff ich das Thema erneut auf. Meine Zweifel blieben. Damals gab es längst europäische Vorschriften. Spanien gehört schließlich zu Europa – zumindest auf der Landkarte. Heute, elf Jahre nach meinem ersten Kommentar, stellt sich die Frage: Wie viel hat sich tatsächlich verändert? Auch diesen Sommer berichteten Urlauber von braunem Schaum u. großen braunen Flächen in Küstennähe, die nach Fäkalien rochen u. teilweise an die Strände gespült wurden. Ihre Herkunft ist nicht bewiesen. Fragen wirft es allemal auf. Seit 2023 werden an Andalusiens Küste immer wieder Strände gesperrt. Auch im Sommer 2026 gab es Badeverbote, nachdem Messwerte auf eine mögliche fäkale Verunreinigung hingewiesen hatten. Es folgen Proben, Warnungen u. Freigaben. Haben wir ein Dauerabo auf Badeverbote, das niemand bestellt hat, für das aber alle bezahlen?

Es geht um unsere Gesundheit: Escherichia coli u. intestinale Enterokokken sind Warnsignale für eine mögliche fäkale Verunreinigung. Dabei können Krankheitserreger ins Wasser gelangen, die Durchfall, Erbrechen, Bauchkrämpfe u. Fieber auslösen. Besonders gefährdet sind Kinder, ältere Menschen, Schwangere u. Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Bereits 2018 stellte der Europäische Gerichtshof fest, dass Spanien ein früheres Urteil zur Abwasserreinigung nicht vollständig umgesetzt hatte. Von 43 betroffenen Ballungsräumen waren 17 noch nicht vorschriftsgemäß ausgestattet. Die Rechnung: zwölf Millionen Euro Pauschalstrafe u. ursprünglich 10,95 Millionen Euro Zwangsgeld pro Halbjahr. Allein 2019 überwies Spanien zweimal rund 10,36 Millionen Euro an die EU.

Und 2026? Am 29. April beschloss die Europäische Kommission, Spanien wegen fortbestehender Mängel bei der Abwassersammlung u. -reinigung vor den Europäischen Gerichtshof zu bringen. Jahrzehnte nach den ersten EU-Vorgaben bestehen weiterhin erhebliche Defizite. Das Problem endet nicht an der Küste. Flüsse können ungeklärtes Abwasser bis ins Meer tragen. Ein 2025 veröffentlichter Bericht der Europäischen Kommission zeigte anhand von Daten aus dem Jahr 2020, dass rund 450 spanische Siedlungsgebiete die damaligen Anforderungen an die Abwasserbehandlung nicht erfüllten. Das Problem hat einen langen Atem.

Kommen wir zum Geld. Am 9. April 2026 berichtete El País, dass die spanischen Zentral- u. Regionalverwaltungen seit 2018 rund 84,77 Millionen Euro an Strafen für mangelhafte Abwasserbehandlung gezahlt hatten. Rechnerisch entspricht das durchschnittlich rund 28.000 Euro pro Tag. Das Geld fließt, die Uhr tickt. Urlauber bezahlen ihre Ferien, die öffentlichen Kassen die Strafzahlungen. Über Abgaben u. öffentliche Investitionen trägt der Steuerzahler die Kosten mehrfach. Ein teures Rundum-sorglos-Paket – ohne Garantie für sauberes Wasser. Über den andalusischen Wasserzuschlag, der Abwasserprojekte mitfinanzieren soll, wurden laut einem Bericht unter Berufung auf den Rechnungshof rund 1,426 Milliarden Euro eingenommen. Ende 2024 waren davon rund 678 Millionen Euro noch nicht für die vorgesehenen Projekte eingesetzt. Das beweist nicht, dass Geld verschwunden ist. Warum bleibt so viel ungenutzt, während Strafzahlungen anfallen? Wäre es nicht sinnvoller, Rohre zu verlegen, Pumpwerke zu bauen u. Kläranlagen fertigzustellen, statt Aktenordner über alte Probleme zu füllen? Papier kann bekanntlich viel aufnehmen. Abwasser gehört allerdings nicht dazu.

Die ursprüngliche europäische Abwasserrichtlinie stammt von 1991. Spanien hat viel investiert u. zahlreiche Anlagen gebaut. Warum sind 2026 dennoch weitere EU-Verfahren nötig? Nicht jede Verunreinigung lässt sich einer Kläranlage zuordnen. Die Verantwortlichen müssen dennoch erklären, woher die Belastungen kommen u. was sie dagegen unternehmen.

Andalusien lebt von seiner Küste. Sauberes Wasser ist Voraussetzung für Gesundheit, Lebensqualität u. Tourismus. Entscheidend ist nicht allein, wie viel Geld ausgegeben wird, sondern was damit erreicht wird. Die EU kann Urteile sprechen, Verwaltungen Millionen überweisen u. Politiker Projekte ankündigen. Doch nichts davon reinigt auch nur einen Liter Abwasser. Das erledigen Kläranlagen – wenn sie funktionieren u. ordentlich betrieben werden. Warum bestehen trotz hoher Einnahmen u. Investitionen weiterhin Mängel? Dafür braucht es keine Verschwörungstheorie, sondern nachvollziehbare Fakten u. klare Verantwortlichkeiten. Spanien braucht nicht nur schöne Strände, sondern saubere. Denn ein Paradies mit verunreinigtem Badewasser ist ein Gesundheitsrisiko – u. ein ziemlich teures Märchen mit Meerblick.

Kai Ertel

■  Aus der Printausgabe November 2026 · Spanien aktuell

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