
REISE•ANDALUSIEN•SERRANÍA DE RONDA
Zwischen Schlucht, Geschichte und neuen Entdeckungen
Es gibt Städte, die sich langsam zeigen. Ronda gehört nicht dazu. Schon die erste Annäherung führt auf eine Landschaft zu, in der der Fels plötzlich abbricht und der Blick ins Leere fällt. Dann erscheint die Stadt – weiß, kompakt und scheinbar selbstverständlich über dem Tajo gebaut. Der Tajo ist hier keine Flussbezeichnung, sondern die gewaltige Schlucht, die Ronda auf eindrucksvolle Weise teilt. Tief unten hat der Guadalevín über Jahrtausende seinen Weg durch das Gestein geschnitten. Rund hundert Meter fällt der Blick von den Höhen der Stadt in die Tiefe. Oben verbinden sich Häuser, Mauern, Gassen und Plätze zu einem Stadtbild, das längst zum Inbegriff Andalusiens geworden ist.

Und doch wäre es zu einfach, Ronda auf den Puente Nuevo zu reduzieren. Die berühmte Brücke ist zweifellos ihr großes Bild. Sie überspannt seit dem 18. Jahrhundert die Schlucht und verbindet die beiden Teile der Stadt.

Oben stehen die Menschen, schauen hinunter in den Tajo und versuchen, die gewaltige Tiefe der Schlucht zu erfassen. Doch der Puente Nuevo hat noch eine andere Seite – eine, die man erst entdeckt, wenn man genauer hinsieht.

Denn im Inneren des Brückenkörpers befinden sich Räume, die einst ganz andere Besucher gesehen haben. Die zentrale Kammer über dem großen Bogen diente im 19. Jahrhundert als Gefängnis. Heute kann man diesen ungewöhnlichen Teil des Bauwerks im Rahmen des Centro de Interpretación del Puente Nuevo besichtigen. Wer dort steht, betrachtet die berühmte Brücke plötzlich nicht mehr von außen, sondern befindet sich mitten in ihrem Inneren. Wer nur für das Foto kommt, hat Ronda eigentlich noch gar nicht gesehen. Denn hinter dem spektakulären Abgrund beginnt eine Stadt, deren Geschichte weit tiefer reicht als der Blick vom Brückengeländer.
Ein Rundgang durch die Geschichte Rondas

Foto – Iglesia de Santa María la Mayor – Unsplash Frank Nurnberger
Einer der eindrucksvollsten Orte dafür ist die Iglesia de Santa María la Mayor. An ihrer Stelle befand sich einst die Hauptmoschee der muslimischen Medina. Nach der Eroberung Rondas durch die Katholischen Könige entstand hier die christliche Kirche, in der bis heute verschiedene Epochen sichtbar geblieben sind. Gotische, Renaissance- und barocke Elemente stehen neben Spuren der islamischen Vergangenheit – ein steinernes Geschichtsbuch, das man nicht aufschlagen muss, weil man hindurchgeht.

Wer anschließend in Richtung Stadtkern geht, kommt am ehemaligen Convento de Santo Domingo vorbei, bevor der Weg zur Puente Nuevo führt. Die Katholischen Könige ließen das Kloster nach der Eroberung Rondas errichten; die Arbeiten begannen zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Die erhaltene Kirche verbindet gotische und mudéjare Elemente. Heute wird der historische Komplex als Palacio de Congresos genutzt – ein Beispiel dafür, wie Ronda ihre alten Gebäude nicht nur bewahrt, sondern weiterhin in das Leben der Stadt einbindet.Dann führt der Weg über die Puente Nuevo, das große Wahrzeichen Rondas.

Foto – Pixabay Tomasz Hanarz
Von hier öffnet sich der Blick über den Tajo und auf die Stadt, bevor es über die Plaza del Socorro weiter in die historische Umgebung geht. Der Platz gehört zu den lebendigeren Orten Rondas und verbindet Geschichte mit dem heutigen Stadtleben.

Besonders auffällig ist das historische Gebäude des Círculo de Artistas mit seinen Figuren des Herkules und den beiden Löwen. Hier fand 1918 die Asamblea de Ronda statt, bei der unter Beteiligung von Blas Infante wichtige Grundlagen für die späteren andalusischen Symbole formuliert wurden.

Von hier geht es hinunter in den älteren Teil der Stadt. Das Arco de Felipe V markiert dabei einen historischen Zugang zu Ronda. Es entstand 1742, nachdem der erste Puente Nuevo eingestürzt war und die Verkehrswege neu geordnet werden mussten.

Dahinter liegt die Puente Viejo, von der aus der Blick auf die Iglesia de Padre Jesús fällt. Die Kirche gehört zu diesem unteren Stadtbereich und führt bereits in jene Zone, in der Ronda ihre maurische Vergangenheit besonders deutlich erkennen lässt.

Dort befinden sich die Baños Árabes. Die aus dem 13. und 14. Jahrhundert stammende Badeanlage gehört zu den am besten erhaltenen ihrer Art auf der Iberischen Halbinsel. Ihr nahezu vollständig erhaltenes hydraulisches System zeigt, wie ausgeklügelt die Wasserversorgung der islamischen Stadt war. Gewölbte Räume, Wasserkanäle und die charakteristischen Öffnungen in den Decken vermitteln noch heute eine Vorstellung vom einstigen Badebetrieb. Später wurden die Anlagen unter anderem als Gerbereien genutzt.

Der Rückweg führt wieder hinauf in die historische Stadt – und zu einem ganz anderen Ausdruck von Ronda. Der Palacio del Marqués de Salvatierra steht für die aristokratische Seite der Stadt. Die barocke Fassade aus dem späten 17. Jahrhundert fällt nicht nur durch ihren großen schmiedeeisernen Balkon und die korinthischen Säulen auf. Besonders ungewöhnlich sind die vier nackten Figuren am oberen Teil der Fassade. Als klassische Atlanten tragen sie den Giebel mit dem Wappen der Familie Salvatierra. Die beiden männlichen Figuren zeigen dabei eine provokante Geste und strecken die Zunge heraus, während die weiblichen Figuren ihre Scham bedecken. Die ungewöhnlichen Skulpturen gelten als von der Kunst der Inka inspiriert und verleihen dem ansonsten repräsentativen Adelspalast einen überraschend eigenwilligen Charakter.

Oben angekommen, wird Ronda wieder grüner. In den Gärten der Alameda del Tajo öffnet sich die Stadt zur Landschaft. Zwischen alten Bäumen, Wegen und Aussichtspunkten liegt der Fuente del Angelito – ein kleines Detail am Rande des großen Stadtbildes. Gerade solche Orte machen deutlich, dass Ronda nicht nur aus berühmten Monumenten besteht. Geschichte steckt hier auch in den Wegen dazwischen.
Menschen, die ein Stück Ronda verändert haben

Auch die jüngere Geschichte der Stadt ist von Menschen geprägt, die von außen kamen und hier etwas Neues beginnen wollten. Einer von ihnen war Friedrich Schatz. 1982 kam der damals erst 18-jährige Deutsche aus einer traditionsreichen Winzerfamilie nach Ronda. Auf der Finca Sanguijuela begann er mit Weinbauversuchen und probierte unterschiedliche Rebsorten aus, um herauszufinden, was auf den Böden und unter dem besonderen Klima der Serranía funktionieren konnte. Darunter war auch Pinot Noir, der Blauburgunder – eine Rebsorte, die man zunächst kaum mit Andalusien verbinden würde und die Schatz bis heute anbaut.

Zu dieser Zeit war die heutige Weinlandschaft der Serranía noch weit davon entfernt, eine etablierte Weinregion zu sein. Schatz gehörte damit zu den frühen Pionieren, die dem Weinbau in Ronda wieder eine Zukunft gaben. Dass aus diesem ungewöhnlichen Anfang längst ein Stück jüngere Weingeschichte geworden ist, zeigt auch der 2023 beim Festival de Málaga präsentierte Dokumentarfilm „Pioneros del vino en Ronda“, in dem Schatz gemeinsam mit weiteren Wegbereitern von den ersten Jahren des modernen Weinbaus erzählt.
Ein zweiter Name gehört in diese Geschichte: Alfonso von Hohenlohe. Der deutsche Aristokrat war längst eine prägende Figur der internationalen Entwicklung Marbellas und hatte 1954 den Marbella Club gegründet. Anfang der 1990er-Jahre startete er auf dem Cortijo Las Monjas bei Ronda ein ambitioniertes Weinbauprojekt. Gemeinsam mit internationalen Fachleuten und dem Önologen José Manuel Vetas ließ er dort erste Weinberge anlegen und setzte auf französische Rebsorten. Damit gehörte auch Hohenlohes Projekt zu den frühen Impulsen für die Wiederbelebung des Weinbaus in der Serranía. Es war also nicht eine einzelne Person, die den Wein zurück nach Ronda brachte. Es waren Pioniere, die zu unterschiedlichen Zeiten an eine Möglichkeit glaubten, die damals keineswegs selbstverständlich war.

Wie weit die Geschichte zurückreicht, zeigt heute das Centro Integral del Vino. Das historische Gebäude war ursprünglich ein Wasserreservoir und wurde 2012 restauriert. Seine Ausstellung führt mehr als 2.500 Jahre zurück – bis zu den Iberern und Römern, zu Acinipo und zu den Weinreben, die bereits in der Antike Teil dieser Landschaft waren.

Der Wein ist damit in Ronda weniger ein modischer Nebenschauplatz als eine alte Spur, die irgendwann fast verloren ging und später wieder aufgenommen wurde.
Olivenöl bekommt ein neues Gesicht

Foto – Almazara El Toro
Wer Ronda heute neu entdecken möchte, stößt auf eine weitere Entwicklung, die Tradition und Gegenwart ungewöhnlich eng miteinander verbindet.
Etwas außerhalb der Stadt steht die Almazara El Toro. Philippe Starck hat die Anlage als eine moderne Interpretation der andalusischen Ölkultur gestaltet. Beton, klare Formen, Landschaft und Olivenbäume treffen aufeinander – und aus einer Ölmühle wird ein Ort, an dem Produktion, Architektur, Museum und Natur zusammengehören.

Foto – Almazara El Toro
Das Museum widmet sich der Geschichte und Herstellung des Olivenöls, während der Rundgang hinaus in den Olivenhain führt. Die Anlage hat sich damit innerhalb kurzer Zeit zu einer neuen Besucherattraktion entwickelt. Allein 2025 kamen rund 22.000 Menschen.
Interessant ist dabei weniger die Zahl als die Idee dahinter. Ronda zeigt hier, dass Tradition nicht zwangsläufig nach Nostalgie aussehen muss. Man kann ein jahrhundertealtes Kulturgut neu erzählen, ohne seine Herkunft zu verstecken.
Zwischen alten Olivenbäumen und der kantigen Architektur Starcks bekommt das Öl plötzlich eine ganz andere Bühne.
Wo die Häuser aus dem Fels wachsen

Foto – Pixabay Antonio Cascalheira
Ein besonders spannender Abstecher führt über die Provinzgrenze nach Cádiz, nach Setenil de las Bodegas. Der Ort liegt nur rund zwanzig bis fünfundzwanzig Autominuten von Ronda entfernt und scheint an manchen Stellen direkt aus dem Fels herausgewachsen zu sein. Häuser und Straßen schmiegen sich unter gewaltige Felsüberhänge, während der Río Guadalporcún tief durch den Ort führt.
Setenil ist damit mehr als ein hübsches weißes Dorf für einen kurzen Fotostopp. Der Ort gehört historisch in dieselbe Landschaft, in der Wege, Schmugglerpfade und alte Verbindungen nach Ronda verliefen.

Besonders deutlich wird diese Verbindung auf der Ruta de los Bandoleros. Der rund elf Kilometer lange Weg führt von Setenil in Richtung Acinipo, den Ruinen einer antiken römischen Stadt im heutigen Gemeindegebiet von Ronda. Zwei Provinzen, zwei Orte und mehrere Jahrhunderte Geschichte liegen hier auf einem einzigen Weg.
Ronda neu entdecken

Foto – Pixabay Pablo Valerio
Das Schönste an Ronda ist, dass die Stadt längst bekannt ist – und trotzdem immer wieder neue Seiten zeigt. Wer einmal dort war, erkennt das große Bild sofort: den Puente Nuevo, den Tajo und die weißen Häuser über der Schlucht. Doch dahinter warten Paläste, alte Bäder, Weinberge, Olivenhaine und Wege, die hinaus in die Serranía führen.
Ronda lässt sich nicht auf einen einzigen Eindruck reduzieren. Zu viel Geschichte liegt unter den weißen Fassaden, zu viele Geschichten führen aus der Stadt hinaus. Genau deshalb sollte man beim nächsten Besuch nicht sofort zur Brücke gehen. Einfach einmal weiterlaufen. Denn hinter der nächsten Gasse beginnt vielleicht nicht das nächste Fotomotiv, sondern eine neue Geschichte.

Und Ronda lässt sich nicht nur entdecken, sondern auch erschmecken. Im kulinarischen Teil dieser Ausgabe geht es weiter – mit der Küche Rondas und der Serranía, ihren Produkten, Traditionen und Geschichten, die auf den Teller kommen.
Entdecken Sie Ronda – auch abseits der Brücke! ¡Descubra Ronda más allá del puente!
Text: © Cesar Certier | Spanien aktuell®
■ Aus der Printausgabe November 2026 · Spanien aktuell
