
Meeressäuger sind hochintelligente Wesen: Sie geben einander Namen, leben in komplexen Sozialstrukturen und nutzen Werkzeuge. Und doch könnte unser Umgang mit ihnen widersprüchlicher kaum sein: Während sie in manchen Ländern als schützenswert gelten, werden sie anderswo gejagt, ausgebeutet oder zur Unterhaltung gehalten.
Jagd und Ausbeutung

Bilder der Treibjagden in Taiji sind seit dem Film „Die Bucht” von Ric O’Barry weltweit bekannt. Auch auf den zu Dänemark gehörenden Färöer-Inseln werden Delfine und Grindwale getötet – verteidigt als kulturelles Erbe, kritisiert als unnötige Grausamkeit.
Island hat den Walfang nach zwei Jahren Pause wieder aufgenommen, wenngleich mit geringerer Quote. Norwegen sieht ihn weiterhin als Teil seiner Kultur und argumentiert, Wale seien Nahrungskonkurrenten des Menschen. Dabei spielen Meeressäuger eine wichtige Rolle für gesunde Meeresökosysteme–und tragen sogar dazu bei, Fischbestände zu erhalten. Hauptverursacher der Überfischung ist ohnehin der Mensch.
In Japan wird Walfang zusätzlich mit der Versorgung der Bevölkerung begründet. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage nach Walfleisch seit Jahren. Studien zeigen zudem eine hohe Belastung mit Schadstoffen wie Quecksilber.

Eine weitere Form der Ausbeutung ist die Haltung in Delfinarien. In Asien, besonders in China, erlebt dieser Sektor einen Boom. In der EU gibt es noch rund 30 Delfinarien, doch der Trend geht zurück. Wissenschaftliche Erkenntnisse haben in den letzten Jahren bewiesen, dass Wale und Delfine extrem intelligente, soziale und sogar selbstbewusste Lebewesen sind. Dies hat in vielen Ländern zu einem Umdenken geführt.
Positive Entwicklungen

Schon 2013 erklärte Indien Delfine zu „nicht-menschlichen” Personen, um ihre Rechte auf Leben und Freiheit zu schützen. Begründet wurde diese Entscheidung mit der hohen Intelligenz und Sensibilität dieser Geschöpfe. Viele Tiere werden hier verehrt und als heilig angesehen oder spielen eine wichtige Rolle in religiösen und mythologischen Kontexten. Das soll nicht heißen, dass es nicht trotzdem Herausforderungen im Bereich des Tierschutzes gibt, die gelöst werden müssten. Aber immerhin hat Indien einen wichtigen Meilenstein im Umgang mit Meeressäugern gesetzt.
2024 erklärten die Anführer der neuseeländischen Maoris und anderer polynesischer Völker im Südpazifik Wale zu juristischen Personen, um sie besser schützen zu können und ihre Rechte zu bewahren. Damit erhalten sie rechtliche Ansprüche auf eine gesunde Umwelt und Bewegungsfreiheit.
Auch Costa Rica gilt als Vorreiter im Naturschutz. Der konsequente Schutz mariner Ökosystemen kommt dort indirekt auch Walen und Delfinen zugute.
Wal Liebe – zwischen Mitgefühl und Selbstinszenierung

Der Umgang mit dem in Deutschland gestrandeten Wal „Timmy” zeigt besonders deutlich, wie widersprüchlich unsere Beziehung zu diesen Tieren ist: Die öffentliche Anteilnahme war groß, die Rettungsaktionen wurden aufmerksam verfolgt. Schließlich wurde das Tier zurück in den Atlantik gebracht.
Für viele war das ein Erfolg – ein Beweis dafür, dass sich Einsatz und Mitgefühl lohnen. Gleichzeitig blieb die Maßnahme umstritten. Fachleute wiesen von Anfang an darauf hin, dass wiederholte Rettungsaktionen für geschwächte Tiere erheblichen Stress bedeuten können und eine Rückführung ins offene Meer nicht automatisch ihr Überleben sichert.
Hier zeigt sich ein grundlegendes Dilemma: Der Wunsch, ein einzelnes Tier um jeden Preis zu retten, kann mit dem tatsächlichen Wohl des Tieres in Konflikt geraten. Zwischen echter Fürsorge und dem menschlichen Bedürfnis, ein „Happy End” zu erzwingen, verläuft eine schmale Grenze.
Tierliebe verlangt jedoch mehr als Mitgefühl. Sie erfordert auch die Bereitschaft, wissenschaftliche Einschätzungen zu akzeptieren – selbst dann, wenn sie gegen unsere Intuition gehen.
Was jeder tun kann
Der Schutz von Meeressäugern beginnt im Alltag. Plastikmüll, Geisternetze und Umweltverschmutzung gehören zu den größten Bedrohungen für Wale und Delfine. Das Schicksal von Timmy sollte uns vor Augen führen, dass unser Umgang mit den Ozeanen zu seinem Leiden geführt hat. Er ist nur ein Beispiel, das wir vor Augen haben und steht im Gegensatz zu all den Tieren, die tagtäglich an den Auswirkungen unseres Handelns verenden. Zeit also, dem Ozean den Respekt entgegenzubringen, den er verdient.
Wer helfen möchte, kann bewusst entscheiden: keine Delfinarien besuchen, sondern die Tiere lieber in freier Natur beobachten. Dabei Anbieter für Whale Watching auswählen, die respektvolle Touren anbieten und Organisationen unterstützen, die sich für den Schutz der Meere einsetzen.

Ein Appell
Warum auch immer wir die Meeressäuger so unterschiedlich behandeln, sei es durch kulturelle Hintergründe und Traditionen, wirtschaftliche Interessen oder weil wir endlich die Intelligenz und die Leidensfähigkeit dieser Tiere begreifen.
Es liegt an uns, ob wir diese Tiere weiterhin als Ressource betrachten – oder als das, was sie sind: faszinierende Mitbewohner dieses Planeten, mit einem eigenen Recht auf Leben, Freiheit und eine intakte Umwelt.

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