Schön. Die Hochsaison steht in Spanien kurz bevor: Sonne, Strand, Meer. Hang loose an der Playa – mit einem kühlen Getränk im Mehrwegplastikbecher und natürlich dem passenden Mehrwegtrinkhalm aus Plastik, den man zusammen mit dem Drink an der Strandbar bekommen hat. Dazu die neue Generation der Mehrwegplastiktüte, in der die Einkäufe transportiert wurden – obwohl darin weiterhin fast alles in Einwegplastik verpackt ist. So sieht Nachhaltigkeit 2026 aus. Zumindest offiziell. Nicht nur am Strand, sondern auch in Restaurants, Bars und auf Events. Cocktails, Softdrinks und Longdrinks – wenn mit Trinkhalm, dann selbstverständlich „Mehrweg“ – und to go natürlich ebenfalls im „Mehrweg“-Becher.
Nur eine kleine Frage bleibt dabei offen: Haben Sie diesen Trinkhalm aus Plastik oder den Plastikbecher eigentlich jemals mit nach Hause genommen, gereinigt und erneut benutzt? Oder passiert das hinter der Strandbar? Im Restaurant? Hinter der Cocktailtheke? Spülbecken – Becher, Trinkhalm rein – Umwelt fein? Auf Konzerten, Festivals oder Großveranstaltungen habe ich jedenfalls noch nie gesehen, dass dort jemand Trinkhalme oder Becher spült. Sie?
Denn genau darum ging es eigentlich beim großen EU-Plastikverbot, das im Juli 2021 in Kraft trat. Plastikbesteck, Teller, Einwegtrinkhalme, Rührstäbchen und klassische dünne Plastiktüten sollten verschwinden. Europa wollte nachhaltiger, moderner und umweltfreundlicher wirken. Zumindest auf dem Papier. Denn kurz darauf begann etwas, das inzwischen wie ein Wettbewerb in kreativer Regelumgehung wirkt. Dünne Plastiktüten verschwanden – und tauchten plötzlich als dickere „Mehrweg“-Versionen wieder auf. Papiertrinkhalme sowie Alternativen aus Glas, Metall oder Bambus tauchten zwar kurzzeitig auf, verschwanden vielerorts jedoch fast schneller wieder, als sie eingeführt worden waren. Stattdessen kehrten stabilere Plastikhalme zurück.
Aus Einweg wurde offiziell Mehrweg – das Plastik selbst blieb. Teilweise sogar in größerer Menge. Und genau hier beginnt die eigentliche Absurdität. Theoretisch sind viele dieser Produkte mehrfach nutzbar. Praktisch landen sie oft genauso schnell im Müll oder direkt in der Umwelt wie ihre Vorgänger. Das schlechte Gewissen wurde reduziert – nicht unbedingt der Plastikverbrauch. Doch der Widerspruch endet nicht beim Cocktailbecher. Während Verbraucher inzwischen mit „Mehrweg“ beruhigt werden, bleibt ein anderer Bereich vom großen Plastikbewusstsein erstaunlich unberührt: die Verpackungsindustrie. Ein Blick in den Supermarkt genügt. Gurken in Folie, eingeschweißtes Obst, doppelt verpackte Snacks, Plastikschalen und Verbundmaterialien, soweit das Auge reicht. Selbst Produkte, die früher unverpackt verkauft wurden, landen heute zusätzlich in Kunststoff. Während über wenige Gramm Plastik im Trinkhalm und Becher diskutiert wird, verschwinden gleichzeitig tonnenweise Verpackungen nach einmaliger Nutzung im Müll. Dabei existieren längst Alternativen. In mehreren europäischen Ländern wird bereits mit biologisch abbaubaren Verpackungen, pflanzenbasierten Kunststoffen und Materialien aus Reststoffen experimentiert. Technisch wäre vieles möglich. Doch nachhaltige Lösungen sind häufig teurer. Und so setzt sich oft nicht die beste Lösung durch – sondern die billigste, solange sie regulatorisch noch erlaubt ist. Am Ende wirkt vieles deshalb weniger wie ein echter Wandel – sondern eher wie eine kosmetische Anpassung des Systems.
Denn trotz Plastikverboten, Mehrwegkampagnen und Nachhaltigkeitsrhetorik produziert Europa weiterhin enorme Mengen Verpackungsmüll. 2023 fielen in der EU noch immer rund 79,7 Millionen Tonnen Verpackungsabfall an. Zum Vergleich: Bereits 2021 hatte die EU mit rund 84 Millionen Tonnen einen Rekordwert erreicht – wirklich verschwunden ist das Problem also bis heute nicht. Pro EU-Bürger entstehen weiterhin jedes Jahr rund 35 Kilogramm Plastikverpackungsmüll. Der gute alte Jutebeutel scheint bis heute jedenfalls keinen echten Sieg gegen die neue Generation der „Mehrwegplastiktüten“ errungen zu haben. Vielleicht liegt genau hier der eigentliche Kern der Debatte. Möglicherweise hat sich weniger die Wegwerfmentalität verändert – sondern vor allem die Art, wie sie verkauft wird. Das Prinzip blieb erstaunlich stabil: kaufen, benutzen, wegwerfen – nur inzwischen mit etwas besserem Gewissen. Während Politik und Unternehmen den großen Wandel verkünden, wird Nachhaltigkeit zunehmend selbst zum Marketingprodukt. Der Konsument soll bewusster konsumieren – aber bitte nicht weniger. Und so entsteht am Ende eine Form von Symbolpolitik, bei der nicht unbedingt weniger Plastik entsteht, sondern vor allem ein besseres Gefühl beim Wegwerfen.
Fake-Mehrweg eben.
