„Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön“, oft gefolgt von „ja da kann man sehr viel Wasser u. auch andre Dinge seh’n“, beginnt das bekannte Kinderlied. Die Frage ist: Was man nicht sehen kann? Und schon sind wir beim Problem: Biofouling. Für alle, die damit nicht vertraut sind: Unter Wasser besiedeln Mikroorganismen, Algen u. Tiere wie Seepocken oder Muscheln z.B. Schiffsrümpfe, Pipelines oder Wärmetauscher. Das treibt Treibstoffverbrauch u. Effizienzprobleme in die Höhe u. kann invasive Arten einschleppen.

Vier Jahrzehnte lang war Tributyltin (TBT) das Mittel der Wahl, um Unterwasserflächen frei von Bewuchs zu halten. Seit den 1960er Jahren weltweit im Einsatz, gilt TBT als eines der giftigsten Biozide der Meeresgeschichte. Chemisch handelt es sich um eine organische Zinnverbindung, bei der ein Zinnatom an drei Butylgruppen gebunden ist – das toxische Ganze wirkt, nicht nur das Zinn allein. TBT wurde so formuliert, dass es kontinuierlich ins Wasser gelangt u. antimikrobiell sowie antifouling-wirksam ist. Da muss man sich fragen, ob die Verantwortlichen jemals Chemieunterricht hatten – oder ob sie bei der Entwicklung dieser Farbe geschnüffelt oder gar davon genascht haben u. somit geistig minderbemittelt waren.

Bereits Nanogramm-Konzentrationen schädigen Meerestiere: Fortpflanzung u. Hormonhaushalt werden gestört, endokrine Effekte wie Imposex bei Weichtieren treten auf, u. das Ganze wirkt weit über die ursprünglich adressierten Bewuchsorganismen hinaus. Im Wasser wird TBT zwar abgebaut, bindet sich aber an Schwebeteilchen u. sinkt in Sedimente ab, wo es über Jahrzehnte persistiert – ein Langzeit-Reservoir, das noch heute Restbelastungen in Muscheln, Schnecken u. Fischen freisetzt u. so auf unseren Tellern landet.

Nach dem TBT-Verbot 2008 setzte sich Kupfer durch. Waren es die gleichen Verantwortlichen? Die Farbe ist nur unwesentlich weniger schädlich – anderer Name, andere Zutaten, u. lustig geht die Seefahrt weiter. Kupfer wirkt anders, lagert sich aber ebenfalls über Jahrzehnte in Sedimenten ab u. belastet Meeresorganismen u. ganze Ökosysteme langfristig. Kupferverbindungen sind heute in ca. 90 % der Anti-Fouling-Anstriche Standard, mit 20–50 % Kupferoxid im Farbstoff. Jährlich gelangen weltweit rund 10 700–15 000 t Kupfer ins Meer.

Die Freisetzung aus Sedimenten wirkt wie eine „zeitverzögerte Umweltlast“, selbst Jahre nach Auftrag der Farbe. In mediterranen Marinas wurden Sedimentwerte bis 1 497 µg/g gemessen – der natürliche Hintergrund liegt bei ca. 45 µg/kg. Konzentrationen >30 µg/g gelten als kritisch für benthische Organismen wie Muscheln, Schnecken, Krebse oder Korallen. Ihr Rückgang kann Kaskadeneffekte auf Nahrungsketten u. ganze Küstenökosysteme haben, lokal zu Artensterben führen u. die Balance ganzer Küstenabschnitte stören – inklusive Seegraswiesen u. Algenbewuchs. Sedimente sind Langzeit-Reservoirs, Kupfer gelangt über Nahrungsketten in Meeresfrüchte u. den Menschen. Risiken: hormonelle Veränderungen, neurologische Störungen, Beeinträchtigungen bei Kleinkindern u. Schwangeren; in stark belasteten Gebieten steigt zusätzlich das Risiko für Leber- u. Nierenschäden.

Spanien: Studien an Costa Brava u. auf den Balearen zeigen Sediment-Kupferwerte von 200 bis über 1 200 µg/g – vergleichbar mit stark belasteten französischen Häfen. Besonders kleine u. mittelgroße Marinas mit hohem Freizeitbootverkehr überschreiten regelmäßig kritische Werte. Segelclubs, Yachthäfen u. Marinas tragen wesentlich zur lokalen Kupferbelastung bei. Gleichzeitig spielt der maritime Tourismus eine große wirtschaftliche Rolle – ein klassisches Spannungsfeld zwischen Ökonomie, Freizeit u. Naturschutz. Spanien setzt zwar eigene Umweltschutzgesetze um, ergänzt durch EU-Regelungen in Marinas auf den Balearen, an der Costa Brava u. der Costa del Sol. Doch hohe Messwerte zeigen, dass Regulierung allein das Problem bislang nicht löst, sondern bestenfalls verwaltet.

Moderne Anti-Fouling-Farben enthalten häufig Co-Biozide wie Cybutryne oder Zineb, die synergistisch mit Kupfer wirken, marine Organismen zusätzlich belasten u. über Nahrungsketten in Meeresfrüchte gelangen – mit entsprechenden Risiken für den Menschen. Forschung u. Industrie setzen zwar zunehmend auf biozidfreie Alternativen: Silikon- oder Foul-Release-Coatings verhindern Bewuchs mechanisch, Projekte wie BioSHIP u. LIFE Paint-it entwickeln ungiftige Beschichtungen, Systeme wie F2 EcoHull schützen über Jahre ohne Kupfer oder Biozide. Seit 2025 regelt die EU-Biozid-Verordnung Zulassung, Verkauf u. Anwendung; verschärfte Kennzeichnungspflichten sollen Biozide reduzieren u. toxische Substanzen durch mechanische, physikalische oder biologisch verträgliche Methoden ersetzen. Ob dieser Wandel schnell genug kommt, bleibt jedoch offen.

Bis dahin: guten Appetit bei Fisch u. Meeresfrüchten – Ahoi auf den Weltmeeren, die schon jetzt ausreichend verseucht sind, u. eventuell bald noch kupfern schimmern, nicht nur bei romantischem Sonnenuntergang.

Privacy Preference Center